
PhDr Sabine Steiner MSc
Philosophin · TCM-Spezialistin · Hypnoseexpertin · Psychoonkologin
Perspektiven verändern. Neue Wege gestalten. - Wissenschaftlich fundiert. Individuell begleitet.

Die Wissenschaft hinter Rewrite Reality
Was wir als Wirklichkeit erleben, entsteht nicht allein durch das, was geschieht. Es entsteht auch dadurch, wie wir wahrnehmen, erinnern, interpretieren und handeln.
Rewrite Reality beruht auf der Annahme, dass Menschen ihre Vergangenheit und äußere Realität nicht beliebig verändern können – wohl aber die Bedeutung, die Erfahrungen für ihr gegenwärtiges Leben besitzen. Wahrnehmung, Erinnerung, emotionale Bewertung und Erwartungen sind keine vollkommen statischen Prozesse. Sie werden durch Erfahrungen geprägt und können sich durch neue Erfahrungen, neue Perspektiven und neue Bewertungen verändern.
Damit verbindet Rewrite Reality philosophische Überlegungen mit Erkenntnissen aus Psychologie und Neurowissenschaft.
Radikaler Konstruktivismus: Wirklichkeit wird nicht einfach abgebildet
Der radikale Konstruktivismus, insbesondere in den Arbeiten von Ernst von Glasersfeld, stellt die Vorstellung infrage, menschliches Wissen sei eine exakte Abbildung einer unabhängig von uns bestehenden Wirklichkeit. Stattdessen entwickeln Menschen auf Grundlage ihrer Erfahrungen Modelle und Deutungen, die sich in ihrem Leben als tragfähig erweisen.
Von Glasersfeld bezeichnet dies als Viabilität: Eine Vorstellung muss die Realität nicht vollständig „abbilden“, sondern sich innerhalb der Bedingungen unserer Erfahrung bewähren. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Mensch seine Welt beliebig erfinden kann. Die äußere Wirklichkeit setzt Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen existieren jedoch unterschiedliche Möglichkeiten, Erlebtes einzuordnen und darauf zu reagieren.
Für Rewrite Reality ist genau dieser Gedanke zentral:
Nicht jedes Ereignis ist veränderbar. Aber die Bedeutung, die wir ihm geben, ist nicht zwangsläufig für immer festgelegt.
Phänomenologie und narrative Identität: Wie wir unsere Welt erleben
Die Phänomenologie beschäftigt sich mit der Frage, wie Welt aus der Perspektive des erlebenden Menschen erscheint. Wahrnehmung ist dabei nie nur ein neutrales Registrieren äußerer Informationen. Erfahrung besitzt immer eine subjektive Perspektive, einen Kontext und eine Bedeutung.
Der Philosoph Paul Ricoeur führt diesen Gedanken in seinem Konzept der narrativen Identität weiter. Menschen verstehen sich selbst auch über die Geschichten, in die sie Erfahrungen, Entscheidungen, Beziehungen, Krisen und Veränderungen einordnen. Diese Geschichte ist nicht völlig beliebig – sie bezieht sich auf tatsächlich Geschehenes –, aber sie bleibt offen für neue Interpretation und Weiterentwicklung.
Rewrite Reality setzt hier an: Nicht indem die eigene Biografie umgeschrieben wird, sondern indem gefragt wird, welche Geschichte aus ihr für die Gegenwart entsteht – und ob diese Geschichte noch die einzige mögliche ist.
Neurowissenschaft: Wahrnehmung entsteht aus Information und Erwartung
Auch die moderne Wahrnehmungsforschung beschreibt das Gehirn nicht als passiven Empfänger von Informationen. Erwartungen und bereits vorhandenes Wissen beeinflussen, wie sensorische Informationen verarbeitet werden. Modelle des sogenannten predictive processing beschreiben Wahrnehmung als fortlaufendes Zusammenspiel zwischen eintreffenden Informationen und bereits vorhandenen Erwartungen beziehungsweise inneren Modellen. Ein Übersichtsartikel in Trends in Cognitive Sciences fasst zahlreiche Befunde dazu zusammen, dass Erwartungen sensorische Verarbeitung auf unterschiedlichen Ebenen beeinflussen können.
Das bedeutet nicht, dass wir sehen können, was wir sehen wollen. Es bedeutet vielmehr:
Das Gehirn interpretiert neue Erfahrungen immer auch vor dem Hintergrund dessen, was es bereits gelernt hat.
Wer beispielsweise wiederholt erlebt hat, nicht ernst genommen zu werden, kann neue Situationen schneller unter diesem Erwartungsmuster wahrnehmen. Wird ein solches Muster bewusst und entstehen neue Erfahrungen, können sich auch Erwartungen und Wahrnehmung verändern.
Neue Bewertung – gleiche Erfahrung, andere Bedeutung
Besonders gut untersucht ist die sogenannte kognitive Neubewertung – Cognitive Reappraisal. Dabei wird nicht das Ereignis selbst verändert, sondern die Art, wie eine Situation interpretiert und emotional bewertet wird.
Eine große Meta-Analyse neurobildgebender Studien zeigte, dass Neubewertung mit veränderter Aktivität in Netzwerken verbunden ist, die unter anderem an kognitiver Kontrolle und emotionaler Verarbeitung beteiligt sind.
Damit erhält ein zentraler Gedanke von Rewrite Reality eine empirische Grundlage:
Wir können nicht verändern, dass etwas geschehen ist. Aber wir können unter bestimmten Bedingungen verändern, welche emotionale und persönliche Bedeutung dieses Geschehen heute besitzt.
Diese Neubewertung ist mehr als „positiv denken“. Es geht nicht darum, Belastendes schönzureden. Eine neue Perspektive kann ebenso bedeuten, Grenzen klarer zu erkennen, Verantwortung anders einzuordnen, eine Beziehung neu zu bewerten oder eine bisher selbstverständliche Überzeugung infrage zu stellen.
Erinnerung ist kein unveränderliches Archiv:
Auch Erinnerungen sind keine vollkommen statischen Aufzeichnungen. Forschung zur sogenannten Rekonsolidierung untersucht, was geschieht, wenn eine bereits gespeicherte Erinnerung erneut aktiviert wird. Unter bestimmten Bedingungen kann eine Erinnerung dabei erneut verarbeitet und mit neuer Information verbunden werden.
Hier ist wissenschaftliche Zurückhaltung wichtig: Die Rekonsolidierungsforschung beim Menschen ist komplex und ihre therapeutische Bedeutung wird weiterhin diskutiert. Eine umfangreiche kritische Übersicht beschreibt die Evidenz als vielversprechend, aber keineswegs so eindeutig, dass sich daraus einfache Versprechen ableiten ließen.
Für Rewrite Reality bedeutet das deshalb nicht: „Erinnerungen werden gelöscht.“
Es bedeutet: Erinnerungen können in einen neuen gegenwärtigen Bedeutungszusammenhang gestellt werden.
Neuroplastizität: Das erwachsene Gehirn bleibt veränderungsfähig
Die Vorstellung eines nach der Jugend weitgehend unveränderlichen Gehirns gilt heute als überholt. Lernen und Erfahrung können auch im Erwachsenenalter mit funktionellen und strukturellen Veränderungen im Gehirn verbunden sein. Übersichtsarbeiten zur erfahrungsabhängigen Neuroplastizität zeigen, dass neuronale Systeme auf neue Anforderungen und wiederholtes Lernen reagieren können.
Neuroplastizität bedeutet allerdings nicht, dass jeder Gedanke sofort das Gehirn „neu programmiert“. Nachhaltige Veränderung entsteht typischerweise durch Erfahrung, Wiederholung, Lernen und Verhalten.
Genau deshalb verbindet Rewrite Reality Reflexion nicht nur mit Erkenntnis, sondern mit der Frage:
Was verändert sich in meinem Denken – und was tue ich dadurch künftig anders?
Hypnose als Zugang zu Wahrnehmung, Vorstellung und Bedeutung.
Hypnose ist ein weiterer möglicher Zugang innerhalb von Rewrite Reality. Sie wird heute wissenschaftlich unter anderem im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Suggestion, Wahrnehmung, Vorstellung und kognitiver Kontrolle untersucht. Eine systematische Übersicht von 2024 beschreibt, dass hypnotische Suggestionen subjektives Erleben, Verhalten und Wahrnehmung verändern können, gleichzeitig aber noch kein einheitliches Modell existiert, das sämtliche zugrunde liegenden Mechanismen erklärt.
Auch neurobiologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass hypnotische Prozesse mit Veränderungen in Netzwerken verbunden sein können, die an Aufmerksamkeit, Selbstbezug und kognitiver Kontrolle beteiligt sind. Die Forschung ist dabei heterogen und sollte nicht auf vereinfachte Aussagen wie „Hypnose programmiert das Gehirn um“ reduziert werden.
Innerhalb von Rewrite Reality ist Hypnose deshalb kein magischer Mechanismus, sondern eine Möglichkeit, mit inneren Bildern, Erwartungen, emotionalen Bedeutungen und eingeübten Reaktionsmustern zu arbeiten.
Was Rewrite Reality bedeutet – und was nicht
Rewrite Reality bedeutet nicht, die äußere Welt durch Gedanken beliebig verändern zu können. Krankheit, Verlust, gesellschaftliche Bedingungen oder die Entscheidungen anderer Menschen lassen sich nicht einfach „wegdenken“.
Der veränderbare Bereich liegt dort, wo Wahrnehmung, Bedeutung, emotionale Bewertung, Selbstverständnis und Handeln ineinandergreifen, denn Emotionen und Gedanken erzeugen Realität.
Aus einer veränderten Perspektive können andere Entscheidungen entstehen. Andere Entscheidungen können Verhalten verändern. Verändertes Verhalten beeinflusst Beziehungen, Lebenswege und neue Erfahrungen, wie man die Welt erlebt, fühlt und seinen eigenen Lebensweg wieder bewusst gestaltet.
So kann aus einer veränderten inneren Wirklichkeit tatsächlich eine veränderte gelebte Realität entstehen.
Rewrite Reality bedeutet deshalb nicht, eine andere Wahrheit zu erfinden.
Es bedeutet, neue Möglichkeiten innerhalb der eigenen Wirklichkeit sichtbar und lebbar zu machen.
Literatur und wissenschaftliche Grundlagen.
Von Glasersfeld, E. (2001). The Radical Constructivist View of Science. Foundations of Science, 6, 31–43.
Smith, D. W. Phenomenology. Stanford Encyclopedia of Philosophy.
Michel, J. & Pellauer, D. Paul Ricoeur. Stanford Encyclopedia of Philosophy, aktualisierte Fassung 2026.
de Lange, F. P., Heilbron, M. & Kok, P. (2018). How Do Expectations Shape Perception? Trends in Cognitive Sciences, 22(9), 764–779.
Buhle, J. T. et al. (2014). Cognitive Reappraisal of Emotion: A Meta-Analysis of Human Neuroimaging Studies. Cerebral Cortex, 24(11), 2981–2990.
Elsey, J. W. B., Van Ast, V. A. & Kindt, M. (2018). Human Memory Reconsolidation: A Guiding Framework and Critical Review of the Evidence. Psychological Bulletin, 144(8), 797–848.
Lövdén, M. et al. (2013). Structural Brain Plasticity in Adult Learning and Development. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 37, 2296–2310.
Zahedi, A., Lynn, S. J. & Sommer, W. (2024). How Hypnotic Suggestions Work – A Systematic Review of Prominent Theories of Hypnosis. Consciousness and Cognition, 123, 103730.